Reiseprotokolle, Protestdokumente

Die Zielgerade liegt vor mir – drei Monate verbleiben noch. Drei von zwölf. Seit meinem letzten Artikel sind wieder einige Wochen vergangen. Bemerkt habe ich das allerdings nicht wirklich. In der letzten Zeit bin ich vor allem gereist, in die Westukraine, nach Odessa, nach Transsilvanien und in die rumänische Moldau. Aber der Reihe nach.
Es ist Anfang April, Ostern. Ich habe frei, also beschließe ich in die Ukraine zu fahren. Die Städte Vinnytsa und Ternopil habe ich im Auge. Meine Reise beginnt mit dem Bus zur Grenze im Norden der Republik Moldau. Das übliche leichte Schaukeln über die huckeligen Straßen. Auf der ukrainischen Seite wird die Landschaft plötzlich weiter, die Felder riesig, die Straße noch schlechter. Ein ganz klein wenig erinnern mich die beackerten Landstriche an die Altmark. Ich komme in Vinnytsa an. Es ist kühl und windig. Anders als Chisinau ist die Stadt vielleicht ein wenig gemütlicher, mit vielen Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert. Außerdem gibt es in Vinnytsa die höchste Fontaine Europas, angelegt im örtlichen Fluss. Roshen hat sie gebaut, eine Süßwarenfirma des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Ich übernachte bei einer alten Deutschlehrerin, die einige Jahre mit ihrem Mann in der DDR gelebt hat. Der Empfang ist einzigartig herzlich. In der Wohnung lebt noch eine junge Frau mit ihrer Tochter, sie sind aus Lugansk hierher geflohen. In diesem Sinne ist der Krieg im Osten allgegenwärtig. Auf der Straße, in den Zügen sieht man viele Soldaten, auch verwundete. Plakate und Spendensammler rufen zu Unterstützung für die ukrainische Armee auf. Im Museum komme ich mit einer der Mitarbeiterinnen ins Gespräch. Dass Russen und Ukrainer je noch einem gegeneinander kämpfen würden, ginge in keinen Kopf rein, sagt sie. Ich fahre weiter nach Ternopil, weiter in den Westen. Im Zug treffe ich eine Frau, die aus Charkiw (Ostukraine) nach Hause fährt. Sie spricht nur Ukrainisch. Irgendwie verstehen wir uns doch. Auch wenn Ukrainisch eine eigene Sprache und nicht nur, wie häufig angenommen, ein Dialekt des Russischen ist. Ternopil ist eine Stadt, die durch Österreich-Ungarn und Polen geprägt ist. Das macht auch das Stadtbild deutlich. Um ehrlich zu sein könnte man sich auch irgendwo in Mitteleuropa aufhalten. Diesmal übernachte ich bei einem Studenten auf einem Dorf. Die Leute ächzen unter den gewaltigen Preiserhöhungen von Gas, Wasser, Strom und Lebensmitteln. Die Mutter des Studenten, hat eine Rente von 1100 Griwna (etwa: 50€). Sie arbeitet noch nebenbei als Friseurin. Irgendwie geht es schon, sagt sie. Aus Ternopil fahre ich mit dem Nachtzug nach Odessa. Es ist Ostersonntag.

 

Neben den Ausflügen in die Ukraine habe ich auch ein wenig mehr von Rumänien entdecken können. Einige Tage verbrachte ich mit anderen Freiwilligen in Brasov (dt. Kronstadt). Die deutschen Spuren der Siebenbürger Sachsen sind unübersehbar. In der evangelischen Hauptkirche finden die Gottesdienste auf Deutsch statt, eine deutsche Schule befindet sich daneben, Straßen tragen deutschklingende Namen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie europäisch doch rumänische Städte sind. Dabei gilt Rumänien in Deutschland als wahnsinnig rückständig, dreckig und arm. Auf ländliche Gegenden mag das auch teilweise zutreffen. Für Brasov aber definitiv nicht.

 

Mit den warmen Tagen scheinen in den letzten Wochen die Chisinauer auch Protestmärsche für sich entdeckt zu haben. Am 03. Mai wehen dutzende Europaflaggen auf dem Hauptplatz der Stadt. Rund 40 000 Menschen haben sich versammelt um gegen die korrupte Regierung und die mafiösen Strukturen in Staat und Gesellschaft zu protestieren. Ein Protest in den Landesfarben Blau-Gelb-Rot. Es wird Rumänisch gesprochen. Nebenbei möchte man auch sagen, dass es Zeit sei nach Europa zu streben. Angemerkt sei noch, dass es vor kurzem einen Bankenskandal gab, bei dem, um es zugespitzt auf den Punkt zu bringen, Milliarden an Steuergeldern gestohlen und kurzerhand ins Ausland transferiert wurden. Auf der Kundgebung spürt man die Wut der Menschen auf die Regierenden. Die ewige Korruption müsse doch endlich einmal gestoppt werden.
9.Mai. Tag des Sieges über den Faschismus für die einen. Europatag für die anderen. Wieder mehrere zehntausend Menschen, man hört von bis zu 70 000 Teilnehmern des Marsches vom Zentrum zur Gedenkstätte für die Helden des 2.Weltkriegs. Hier dominieren orange-braune Flaggen das Bild, die für das St. Georgsband stehen, das in vor allem Russland als Zeichen des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland getragen wird. Außerdem einige Sowjetflaggen. Die Menschen sprechen im wesentlichen Russisch und skandieren: „Sieg!“ „Sieg!“ oder Danke Opa für den Sieg. Ein Mann mit einer gewaltigen Stimme brüllt: „Yankee go!“. Amerikaner geht! Die Leute um ihn grinsen und lachen. Man nimmt es als Scherz hin. Rote Sterne sind zu sehen und Menschen mit Bildern ihrer Groß- und Urgroßväter, die im Krieg gefallen sind, marschieren mit. Natürlich dürfen die Veteranen nicht fehlen. Sie führen, mit Orden behangen, in einem Oldtimer den Zug an . Auch örtliche Politiker nutzen den Anlass um mitzulaufen und sich zu präsentieren. Im Wesentlichen die Chefetage der Sozialisten, die auf ihren Plakaten zur Parlamentswahl im November 2014 offen mit Wladimir Putin geworben hatten. Das Fernsehen drängt sich. Bald wird schließlich wieder gewählt – diesmal kommunal.

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