Und welcher Nationalität sind Sie? – Deutscher.

Eine neue Episode aus meinem Arbeitsleben. Ich bin an diesem nebligen Mittwoch als Übersetzer unterwegs. Für unsere französische Freiwillige soll ich von Russisch nach Englisch übersetzen. Wir fahren zusammen mit Irina von der caritas Moldova zu einer alten Damen, die zusammen mit ihrem Sohn in einer Wohnung wohnt. Beiden sitzen im Rollstuhl und können sich nicht mehr vor die Tür bewegen. Die Arbeit der caritas ist eine Art mobiler Pflegedienst. Irina putzt, wäscht die Menschen, kauft ein. Bevor wir in die Wohnung gehen, instruiert sie uns – wir sollen lächeln, nicht geschockt sein von den Lebensumständen. Die 91-jährige Dame empfängt uns, sie freut sich sichtlich über unseren Besuch. Und dann beginnt sie auch schon zu erzählen. Maria Pawlowna heißt sie, es ist schwer, sie für die Übersetzung zu stoppen. Es ist überhaupt schwer zu übersetzen, was sie erzählt. Geboren ist sie in der Zentralukraine, nördlich von Kiew. Dort hat sie den Krieg erlebt. Davon erzählt sie uns. Sie erzählt von einer jüdischen Freundin, mit der sie sich in der Schule eine Bank teilte. Überhaupt habe es keinen Unterschied gegeben zwischen Juden, Ukrainern, Russen. Dann kamen die Deutschen. Alle Juden wurde abgeholt und auf dem nächst besten Feld erschossen. Das alles erlebt sie als 17-Jährige. Die Angst hat in dieser Zeit dominiert, setzt sie fort, man wusste nicht, wacht man am nächsten Morgen noch lebendig auf oder nicht. Es gab eine Kirche in Marias Heimatstadt, die wurde im Krieg zu einem Lazarett umgewandelt. Die Stadt wurde von der den Deutschen besetzt. Ein oder zwei Tage später lud man alle Verletzten aus der Kirche auf LKWs und brachte sie vor die Stadt. Wieder auf ein Feld. Wieder wurden alle erschossen. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Die Atmosphäre ist skurril. Wir tragen einen mintfarbenen Mundschutz. Nicht etwa weil die Maria und ihr Sohn krank wären, sondern weil wir von draußen unzählige Bakterien mitbringen. Ein bisschen Stolz berichtet sie weiter davon, wie sie 1944 in Charkow anfing Medizin zu studieren. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. Er beendete das juristische Institut. Zusammen gingen sie Anfang der 1950er Jahre nach Chisinau. Maria Pawlowna arbeitete 42 Jahre. Dann verliert sie ihre Sehkraft und kann nicht mehr arbeiten, mehrmals bekräftigt sie, dass man als Arzt ohne Augenlicht nicht arbeiten kann. Fast als müsste sie sich dafür rechtfertigen. Sie sagt, sie kann unsere Gesichter nicht sehen. Eine merkwürdige Vorstellung. Menschen erkennt sie vor allem an ihrer Stimme. Uns interessiert schließlich noch ihre Familie. Einen Sohn, zwei Enkel und zwei Urenkel hat sie. Ob sie sie besuchen frage ich weiter. Nein, nach Amerika seien sie ausgewandert, bemerkt sie säuerlich und gleichzeitig ein wenig traurig, als ob man da auf sie warten würde, fügt sie noch leise an. Nach fast zwei Stunden Gespräch verabschieden wir uns. Maria bedankt sich, dass wir ihren Tag verkürzt haben. Am Anfangs wurde ich nur als Übersetzer vorgestellt. Jetzt, als wir schon wieder unsere Jacken anhaben, fragt sie, welcher Nationalität ich sei. Deutscher sage ich. Da wird sie ein wenig verlegen und sagt: Nicht alle Deutschen waren schlecht. Aber die SS, sie stockt, um Gottes Willen nicht die SS. Eigentlich bin ich derjenige, der in dieser Situation verlegen werden müsste.

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Karpatenabenteuer

Zu einem richtigen Winter gehört auch richtiger Wintersport, möchte man meinen. Das sei uns nicht zweimal gesagt. Wenn schon Wintersport, dann aber richtig. So schließen wir uns also einer kleinen Gruppe moldawischer Schüler und ihrer Familien an, um  in den ukrainischen Skiort Dragobrat zu fahren. Der Winter empfängt uns schon auf der Straße. Starker Schneefall, Wind, die ohnehin schon eher aus Schlaglöchern als aus Asphalt bestehende Straße ist nicht mehr zu sehen. Für unseren routinierten Busfahrer soll das aber nicht hinderlich sein. Wir fahren einmal durch die ganze Republik Moldau, stehen mitten in der frostigen Nacht ewig an der Grenze zur Ukraine und fahren dann weiter durch scheinbar unendliche Dörfer. Es ist der orthoxe Heiligabend, ab uns an sieht man Babuschkas mit Kopftuch durch die Nacht eilen. Dann tauchen im Morgengrauen Berge vor uns auf, eher Hügel, die wir langsam erklimmen. Der Schnee wird höher, die Tannen am Straßenrand immer undurchsichtiger. Schließlich kommen wir gegen halb 8 in einem Dorf am Fuß des Berges an. Von nun an geht es nur noch mit einem sowjetischen Gaz-LKW weiter. Andere Fahrtzeuge bewältige die verschneiten Waldwege nicht mehr. Der Gaz nur leider auch nicht immer – nach 10 Minuten Fahrzeit gibt es einen Ruck. Motorschaden. Draußen sind 25°C unter null. Ist der Motor kaputt, funktioniert auch kein Ofen mehr. Nach 45 Minuten und gefühllosen Zehen können wir in ein anderes Gefährt umsteigen. Gegen halb 10 kommen wir endlich oben an – Dragobrat empfängt mit wunderbarstem Sonnenschein. Davor aber noch ein ordentliches ukrainisches Frühstück. Gretschka (Buchweizen) und ein ordentliches Stück Fleisch werden aufgetischt. Die Piste wartet. Hier sagen Bilder wirklich mehr als 1000 Worte. Pures Glück.

Zu schön, wenn das Wetter so bleiben würde. Nebel und Schneesturm dürfen auf 1500 Höhenmetern nicht fehlen. Zugegeben, viele Schneestürme habe ich noch nicht erlebt, aber der sprengt doch alle Vorstellungen. Gefühlt ein Meter Neuschnee, mannshohe Schneewehen, kein Gefährt kommt mehr vor oder zurück. Am nächsten Tag sind die Lifte wieder offen. Die Pisten auch. Naja. Pisten bedeutet in diesem Fall, dass sich Schneewehen und Eisplatten abwechseln. Das Skifahren bekommt einen, sagen wir, besonderen Charakter. Nichtsdestotrotz. Wir wollten ja richtigen Wintersport – da ist er.